Praktische Tipps

Hausverwaltung erfolgreich skalieren – Teil 1: Die Bestandsaufnahme als Fundament für nachhaltiges Wachstum

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04.02.2026
6 Minuten
Inhaltsübersicht

Wohnungseigentumsverwalter:innen stehen vor einer zentralen Herausforderung: Wie lassen sich mehr Einheiten verwalten, ohne dass die Qualität leidet oder die Kosten explodieren? Die Antwort liegt nicht im Blindflug nach vorne, sondern in einer methodischen Bestandsaufnahme als erstem Schritt eines strukturierten Skalierungsprozesses.

Seit der WEG-Reform 2020 haben sich die Anforderungen an Verwalter:innen deutlich erhöht – von erweiterten Informationspflichten über neue Beschlussfassungsregeln bis hin zu verschärften Abrechnungsanforderungen. Gleichzeitig bieten moderne Softwarelösungen und Automatisierungstechnologien erhebliche Effizienzpotenziale. Doch bevor Sie investieren und Prozesse umstellen, müssen Sie wissen, wo Sie stehen.

In dieser fünfteiligen Artikelserie begleiten wir Sie durch den 1-Jahres-Plan zur Skalierung Ihrer Hausverwaltung. Im ersten Teil widmen wir uns der systematischen Bestandsaufnahme – dem Fundament für alle weiteren Schritte.

Was bedeutet Bestandsaufnahme in der Hausverwaltung?

Eine professionelle Bestandsaufnahme bedeutet weit mehr als einen flüchtigen Blick auf bestehende Prozesse. Sie umfasst eine systematische Analyse aller relevanten Bereiche Ihrer Verwaltung:

  • Banking & Buchhaltung: Kostenstrukturen und Optimierungspotenziale
  • Personal: Stimmungslage, Auslastung und Qualifikationen
  • Prozesse: Medienbrüche, Schnittstellen und ineffiziente Abläufe
  • Software: Funktionsumfang, Automatisierungsgrad und Wirtschaftlichkeit
  • Datenmanagement: Datenqualität und -strukturierung

Das Ziel: ein klares Bild Ihrer aktuellen Situation als Ausgangspunkt für gezielte Verbesserungen

Banking & Buchhaltung: Versteckte Kosten aufdecken

Gebührenanalyse als Quick Win

Viele Verwaltungen zahlen unnötig hohe Bankgebühren, weil sie ihre Kontomodelle seit Jahren nicht hinterfragt haben. Mit der zunehmenden Digitalisierung des Zahlungsverkehrs haben sich die Anforderungen geändert.

Praxis-Checkliste Banking:

  • Fallen Gebühren für SEPA-Überweisungen an?
  • Wie hoch sind die Kontoführungsgebühren pro WEG-Konto?
  • Gibt es Sonderkonditionen für Verwaltungen mit hohem Transaktionsvolumen?
  • Unterstützt die Bank moderne Schnittstellen (EBICS, API-Anbindung)?
  • Können Sammelüberweisungen kostengünstig abgewickelt werden?

Buchhaltungsprozesse unter der Lupe

Besonders kritisch: Medienbrüche zwischen Verwaltungssoftware und Buchhaltung. Müssen Buchungssätze manuell übertragen werden? Erfolgt der Kontenabgleich noch per Hand? Diese Prozesse sind nicht nur zeitintensiv, sondern auch fehleranfällig.

Personal: Die unterschätzte Ressource

Stimmungslage als Frühwarnsystem

Überlastete Mitarbeiter:innen sind das größte Hindernis für Wachstum. Bevor Sie neue Kunden akquirieren, müssen Sie verstehen, wie es Ihrem Team geht:

  • Wo entstehen Überstunden und warum?
  • Welche Aufgaben werden als besonders belastend empfunden?
  • Gibt es ungenutzte Qualifikationen im Team?
  • Wo fehlt es an Wissen oder Werkzeugen?

Die 3-Fragen-Methode:

Führen Sie strukturierte Einzelgespräche mit folgenden Kernfragen:

  1. "Welche drei Aufgaben kosten Sie am meisten Zeit?"
  2. "Was würde Ihre Arbeit am meisten erleichtern?"
  3. "Wo sehen Sie ungenutztes Potenzial in unseren Prozessen?"

Diese Informationen sind Gold wert für die spätere Priorisierung von Maßnahmen.

Prozessanalyse: Medienbrüche identifizieren

Was sind Medienbrüche und warum sind sie teuer?

Ein Medienbruch entsteht immer dann, wenn Informationen von einem System in ein anderes übertragen werden müssen – sei es durch manuelles Abtippen, Ausdrucken und Einscannen oder Copy-Paste-Aktionen.

Typische Medienbrüche in der WEG-Verwaltung:

  1. Rechnungsverarbeitung: Rechnung per Post → Scannen → Manuelles Auslesen → Eingabe in Software → Ablage
  2. Eigentümeranfragen: E-Mail → Übertragung ins Ticketsystem → Antwort → Ablage → Information im Protokoll
  3. Abrechnungserstellung: Daten aus Buchhaltung → Export → Import in Abrechnungssoftware → Manuelle Nachbearbeitung

Software-Audit: Funktionen vs. Realität

Die 10-Punkte-Checkliste für Ihre Verwaltungssoftware:

Überprüfen Sie kritisch, ob Ihre aktuelle Software diese Anforderungen erfüllt:

  1. Automatisierte Workflows: Können wiederkehrende Prozesse automatisiert werden?
  2. Self-Service-Portal: Haben Eigentümer digitalen Zugang zu ihren Unterlagen?
  3. Automatisierte Abrechnung: Werden Abrechnungen nach WEG-Musterabrechnung 3.0 teilautomatisiert erstellt?
  4. Rechnungsverarbeitung: Gibt es intelligente Rechnungserkennung und -verarbeitung?
  5. Regelbasierte Workflows: Können Eskalationsprozesse definiert werden?
  6. Integriertes Banking: Ist eine direkte Bankanbindung vorhanden?
  7. Dokumentenmanagement: Gibt es ein strukturiertes DMS mit Versionierung?
  8. Mobile Zugänglichkeit: Funktioniert die Software auch unterwegs?
  9. Schnittstellen: Bestehen APIs zu Drittanbietern?
  10. Preismodell: Skaliert das Pricing mit Ihrem Wachstum?

Realitätscheck:

Viele Verwaltungen nutzen nur einen Bruchteil der verfügbaren Funktionen ihrer Software. Bevor Sie über einen Wechsel nachdenken, prüfen Sie: Nutzen wir alle relevanten Features? Gibt es ungenutzte Automatisierungspotenziale?

Datenmanagement: die Basis für Automatisierung

Warum Datenqualität über Erfolg entscheidet

Schlechte oder unstrukturierte Daten sind das größte Hindernis für Automatisierung. Bevor Sie digitale Workflows implementieren, müssen Ihre Stammdaten stimmen.

Typische Datenprobleme:

  • Inkonsistente Eigentümerdaten (verschiedene Schreibweisen, veraltete Adressen)
  • Fehlende Strukturierung bei Kostenarten oder Objektschlüsseln
  • Unvollständige Mandatsinformationen
  • Nicht standardisierte Dokumentenablage
  • Doppelte Datensätze

Der 3-Stufen-Plan zur Datenbereinigung:

Stufe 1 – Kritische Fehler (sofort beheben):

  • Falsche oder fehlende Bankverbindungen
  • Unvollständige Eigentümerdaten für die Abrechnung
  • Fehlerhafte Objektzuordnungen

Stufe 2 – Standardisierung (mittelfristig):

  • Einheitliche Benennung von Kostenarten und Buchhaltungskonten nach Wirtschaftsplan-Systematik
  • Standardisierte Dokumentenablage nach WEG und Wirtschaftsjahr
  • Konsistente Adressdaten

Stufe 3 – Optimierung (langfristig):

  • Zusätzliche Datenfelder für Auswertungen
  • Historisierung von Änderungen
  • Schlagwort-Systematik für Dokumentensuche

Tools & Ressourcen für Ihre Bestandsaufnahme

Unverzichtbare Werkzeuge:

  1. Mitarbeiterbefragungen: Strukturierte Interviews oder anonyme Umfragen
  2. Projektmanagement-Tool: Asana, Trello, Monday oder Jira zur Dokumentation
  3. Ihre Verwaltungssoftware: Nutzungsstatistiken und Reports
  4. Dokumentenmanagementsystem: Audit der Ablagestruktur
  5. CRM/Kommunikationstools: Analyse der Eigentümerkommunikation
  6. Excel/Google Sheets: für Auswertungen und Vergleichsrechnungen

Praxis-Tipp:

Erstellen Sie ein zentrales Projektdokument, in dem Sie alle Erkenntnisse sammeln. Kategorisieren Sie die identifizierten Punkte nach "Kritisch", "Wichtig" und "Nice-to-have". Diese Priorisierung wird in Phase 3 essentiell.

Der konkrete Fahrplan: In 4 Wochen zur vollständigen Bestandsaufnahme

Woche 1: Banking & Personal

  • Bankgebühren analysieren und Vergleichsangebote einholen
  • Mitarbeitergespräche führen und dokumentieren

Woche 2: Prozessanalyse

  • Zentrale Geschäftsprozesse kartieren (Rechnungseingang bis -zahlung, Eigentümeranfrage bis -antwort)
  • Medienbrüche und Zeitfresser markieren

Woche 3: Software-Audit

  • Funktionsumfang vs. Nutzung prüfen
  • Alternativen recherchieren und Vergleichstabelle erstellen

Woche 4: Datenmanagement

  • Stichproben zur Datenqualität durchführen
  • Bereinigungs-Roadmap erstellen

Handlungsempfehlungen: 5 Sofortmaßnahmen für Ihre Bestandsaufnahme

  1. Zeiterfassung einführen: Lassen Sie Ihr Team eine Woche lang protokollieren, wofür wie viel Zeit aufgewendet wird.
  2. Rechnungsanalyse Banking: Fordern Sie bei drei verschiedenen Banken Angebote für Ihre spezifischen Anforderungen an. Das Investment von 2 Stunden kann mehrere tausend Euro Ersparnis pro Jahr bedeuten.
  3. Software-Workshop: Vereinbaren Sie einen Termin mit Ihrem Software-Anbieter, um ungenutzte Funktionen vorzustellen. Viele Anbieter bieten kostenlose Schulungen an.
  4. Medienbruch-Tagebuch: Bitten Sie jeden Mitarbeiter, eine Woche lang zu notieren, wann er Daten manuell von A nach B übertragen muss.
  5. Datenstichprobe: Nehmen Sie sich 10 zufällige WEG vor und prüfen Sie die Stammdatenqualität. Hochgerechnet zeigt das den Bereinigungsaufwand.

Fazit: Bestandsaufnahme als Investition in die Zukunft

Eine gründliche Bestandsaufnahme ist kein lästiges Muss, sondern eine strategische Investition. Sie schaffen Transparenz über Ihre aktuelle Situation, identifizieren Quick Wins und legen die Grundlage für datenbasierte Entscheidungen.

Die gewonnenen Erkenntnisse sind Gold wert für die nächsten Schritte: In Teil 2 dieser Serie zeigen wir Ihnen, wie Sie aus den Ergebnissen der Bestandsaufnahme messbare Ziele und konkrete Todos ableiten – von der Vision zur Umsetzungs-Roadmap.

Kernaussagen auf einen Blick:

  • Bestandsaufnahme umfasst Banking, Personal, Prozesse, Software und Daten
  • Medienbrüche und manuelle Prozesse sind die größten Effizienz-Killer
  • Strukturierte Analyse in 4 Wochen schafft klare Entscheidungsgrundlage
  • Mitarbeiter-Feedback ist essentiell für realistische Einschätzungen
  • Datenqualität entscheidet über Erfolg künftiger Automatisierung
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Ein Artikel von
Shari Heep
Geschäftsführende Gründerin & CEO

Shari Heep ist Juristin mit Fokus auf IT- Recht und Gründerin & CEO von SCALARA. Sie hat schon seit ihrem Abitur in der familiären Hausverwaltung mitgearbeitet und dort vor allem die digitale Transformation vorangetrieben. Durch ihre praktische Erfahrung aus der Immobilien- und Verwaltungsbranche kennt sie die Herausforderungen der Branche sehr genau.
Mit der Gründung von SCALARA hat Shari ihre Leidenschaft für alles Digitale mit ihren Verwalterwurzeln verbunden.

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